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Die Königsinschriften des Neubabylonischen Reichs (Royal Inscriptions of the Neo-Babylonian Empire - RINBE)

Das Ziel dieses Projektes ist die Publikation des gesamten Korpus der offiziellen Inschriften der letzten einheimischen Könige von Babylonien (626-539) in einer modernen, wissenschaftlichen Edition, wobei die Inschriften sowohl in einer klassischen Druckfassung als auch online in einer Open-Access-Version veröffentlicht werden sollen. Dieses Textkorpus, das derzeit einen Umfang von 220 Inschriften auf insgesamt 1.421 verschiedenen Schriftträgern hat, ergänzt in herausragender Weise die Informationen, welche über die Zeit des Neubabylonischen Reiches in klassischen und biblischen Quellen vorliegen, wie z.B. Berichte über die Belagerung und Einnahme Jerusalems und die Deportation seines Königs und der Bevölkerung durch Nebukadnezar II., aber auch Erzählungen über die Wunder der Stadt Babylon wie die Stadtmauer und die berühmten hängenden Gärten. Die neubabylonischen Königsinschriften, verfasst in akkadischer Sprache, wurden zuletzt 1912 zusammenhängend ediert, und liegen damit nur in einer Bearbeitung vor, welche unvollständig und seit langem überholt ist, denn das Werk von S. Langdon, Die neubabylonischen Königsinschriften (Vorderasiatische Bibliothek 4; Leipzig: Hinrichs) wurde nie überarbeitet oder um die seitdem neu entdeckten Inschriften erweitert. Somit ist eine Neuedition der bereits 1912 bekannten wie auch der seitdem entdeckten neubabylonischen Königsinschriften seit langem ein Desideratum. Das Projekt Royal Inscriptions of the Neo-Babylonian Empire (RINBE) zielt darauf ab, bis Ende 2022 eine Druck- und eine Onlinepublikation aller derzeit bekannten Königsinschriften der neubabylonischen Herrscher vorzulegen.

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Die East-India-House-Inschrift von Nebukadnezar II. (604-562 v. Chr.) aus Babylon und die Tarif-Stele des Nabonid (556-539 v. Chr.) (© The Trustees of the British Museum)

Das Projekt ist Teil der Munich Open-access Cuneiform Corpus Initiative (MOCCI), dem Nachfolger des an der University of Toronto beheimateten Projekts Royal Inscriptions of Mesopotamia (RIM, 1980-2008) und des Projekts Royal Inscriptions of the Neo-Assyrian Period (RINAP) Project, das seit 2008 an der University of Pennsylvania bearbeitet wird. Obwohl bereits seit 2015 Teile des RINBE-Korpus über “Babylon 7”, ein Unterprojekt des Open-Access-Projekts Royal Inscriptions of Babylonia online (RIBo), zugänglich sind, begann das RINBE-Projekt offiziell erst im Juni 2017, als die Mitbegründerin und Direktorin Prof. Dr. Karen Radner (Lehrstuhl für die Alte Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens an der LMU München) und Prof. Dr. Grant Frame (University of Pennsylvania) die Redaktionsleitung, das Beratergremium und die Gruppe der Autoren festlegten (siehe unten). Das Projekt wird voraussichtlich eine Laufzeit von sechs Jahren haben (2017-2022).

In den kommenden fünf Jahren wird das RINBE-Team eine vollständige, moderne Referenzedition des gesamten Korpus der Königsinschriften der sechs Herrscher des Neubabylonischen Reiches sowohl als Druckfassung als auch als vollständig linguistisch annotierte, digitale Open-Access-Fassung vorlegen. Hierbei wird die Druckfassung in insgesamt drei Bänden das Hauptergebnis der Arbeit darstellen. Zusätzlich werden die umfassend kontextualisierten Basisdaten zusammen mit den Metadaten und Links zu externen Ressourcen online frei verfügbar gemacht werden. Diese Open Access-Funktionen werden folgendes umfassen:

  1. einen Katalog, der nach Museumsnummer, früherer Publikation etc. zu durchsuchen ist;
  2. die durchsuchbare Textedition mit englischen und deutschen Übersetzungen;
  3. eine exportierbare JavaScript Object Notation des Korpus;
  4. ein akkadisches Glossar sowie verschiedene Indizes;
  5. eine Suchmaske, die es erlaubt, die Texte nach der Transliteration des akkadischen Texts, nach einzelnen Wörtern und Namen sowie nach den englischen und deutschen Übersetzungen zu erkunden;
  6. ein Glossar der akkadischen Wörter, welches neben einer Konkordanz aller Referenzen für jedes Wort auch eine geführte Suche ermöglicht;
  7. einführende Webseiten, welche historische Hintergrundinformationen bereitstellen.

Als Bestandteil von MOCCI wird RINBE sowohl vollständig integriert sein in das Projekt Open Richly Annotated Cuneiform Corpus (Oracc) als auch in die Cuneiform Digital Library Initiative (CDLI) und das Ancient Records of Middle Eastern Polities (ARMEP) map interface, ein an der LMU entwickeltes, webbasiertes Forschungswerkzeug. Der Inhalt der Online-Darstellung wird verwaltet von Dr. Frauke Weiershäuser und Dr. Jamie Novotny. Die Druckpublikation wird herausgegeben vom Verlag Eisenbrauns, der zur Penn State University Press gehört, und wird im gleichen Format erscheinen wie die Bänder der Serie RINAP (The Royal Inscriptions of the Neo-Assyrian Period), jedoch mit einer bedeutenden Änderung: Die Bände der Serie RINBE werden im Golden Standard Open Access Publishing bereitgestellt, das heißt, ein PDF wird bereits mit Erscheinen der Druckfassung zum kostenfreien Download zur Verfügung gestellt, nicht erst nach einer gewissen Embargozeit.

Die geplanten Publikationen

Die Könige der neubabylonischen Dynastie waren die letzten einheimischen Herrscher Babyloniens. Sie haben hunderte offizieller Inschriften hinterlassen, die sich nicht nur auf Tonzylindern, sondern ebenso auf alltäglichen Objekten wie Ziegeln oder Bodenplatten und auf Votivgegenständen befinden. Daneben finden sich Inschriften dieser Herrscher auch auf Stelen und Felsreliefs, und sie bilden als Wandinschriften einen Teil der babylonischen Monumentalarchitektur. Die Texte stammen überwiegend von Fundorten im heutigen Irak, aber auch von Orten in Jordanien, dem Libanon, Saudi-Arabien, Syrien und der Türkei. Die Inhalte der Inschriften, abgefasst in Keilschrift und in akkadischer Sprache, reichen von kurzen, einzeiligen Labels, die den Herrscher als Bauherr oder Besitzer eines Palastes, Tempels oder einer Mauer identifizieren, bis hin zu langen, sorgfältig gestalteten Berichten, in denen die Taten der Könige für die Götter oder für zukünftige Könige festgehalten wurden. Diese Berichte sind oftmals in einer literarischen Hochsprache verfasst, welche das Korpus der neubabylonischen Königsinschriften eng mit der blühenden intellektuellen Welt ihrer Zeit, insbesondere unter der Herrschaft von Babylons berühmtestem König, Nebukadnezar II. (605-562 v. Chr.), verbindet.

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Zylinder von Nebukadnezar II. (604-562 v. Chr.) aus der Sammlung des British Museum.

Die Texte beschreiben zumeist die umfangreichen Bautätigkeiten der Könige im Kerngebiet des Reiches und dokumentieren die Umgestaltung der Stadt Babylon zu einer strahlenden Metropole. So waren der Tempelturm Etemenanki, die königlichen Gärten und die Stadtmauern Imgur-Enlil und Nemetti-Enlil derart eindrucksvolle Bauwerke, dass ihr Ruhm sich über die Texte der Bibel und die Werke klassischer Autoren bis in unsere Zeit erhalten hat. Die auf Tonzylindern und zumindest einer steinernen Stele aus Babylon erhaltenen akkadischen Inschriften übermitteln dagegen einheimische, zeitgenössische Informationen über Babylon, jene Stadt, die so reich an Wundern war.

Informationen über die babylonische Außenpolitik findet sich dagegen kaum. So gab es z.B. zahlreiche Kontakte zwischen dem babylonischen Reich und dem Königreich von Juda aufgrund der strategischen Lage Judas nahe der ägyptischen Nordgrenze. Im Alten Testament findet sich die berühmte Beschreibung, wie Nebukadnezar II. mit seiner Armee einen von Judas letztem König Zedekia angeführten Aufstand niederwarf, Jerusalem eroberte und die jüdische Bevölkerung einschließlich dem König und seiner Familie nach Babylon deportierte. In seinen eigenen Inschriften schweigt Nebukadnezar II. jedoch über diese Ereignisse und vermittelt uns kein Bild von der babylonischen Perspektive auf diesen Krieg, denn das Augenmerk der babylonischen Könige lag in ihren Inschriften fast immer auf dem Bild des Herrschers als Bauherr von Tempeln, Stadtbefestigungen und Palästen und als Bewahrer und Erneuerer von Kulten und Riten. Daher findet sich in den Inschriften von Nebukadnezar II. auch kein Hinweis auf die 13-jährige Belagerung und abschließende Eroberung der bedeutenden Hafenstadt Tyros, über welche wir nur aus klassischen Quellen unterrichtet sind. Betont werden dagegen von den babylonischen Königen stets der Beistand und die Unterstützung der Götter für ihre Vorhaben, wodurch wir heute über ein genaues Bild vom Verhältnis des Königs zu den Göttern gemäß der offiziellen Doktrin verfügen.

Die ausführlichen Baubeschreibungen sind oftmals sehr hilfreich bei der Identifikation von Bauwerken im archäologischen Befund der verschiedenen Grabungsstätten. Zu einer Zeit, in der ein großer Teil des kulturellen Erbes des Irak Gefahr läuft infolge von Raubgrabungen und Zerstörung für immer verloren zu gehen, ist es eines der Ziele des RINBE-Projektes, die Königsinschriften der neubabylonischen Herrscher als Teil des reichen Kulturerbes Babyloniens durch die Sammlung und wissenschaftliche Publikation dieser Texte zu bewahren und diese Erbe allgemein und frei zur Verfügung zu stellen. Diese freie Verfügbarkeit soll außerdem helfen, den blühenden Handel mit derartigen Inschriften zu reduzieren.

Bis zum Jahr 2022 werden im Rahmen des RINBE-Projektes drei Bücher sowie die Open-Access-Version dieser Bände publiziert werden. Damit wird eine moderne, wissenschaftlich verlässliche Edition dieser wichtigen Textgruppe frei verfügbar sein für Wissenschaftler(innen), Student(inn)en, Mitarbeiter(innen) an Museen sowie die breite interessierte Öffentlichkeit. Folgende Bände sind für die Serie RINBE geplant:

(1) Frauke Weiershäuser and Jamie Novotny, The Royal Inscriptions of Nabopolassar (625-605 BC), King of Babylon, and Nebuchadnezzar II (604-562 BC), King of Babylon, Part 1 (Royal Inscriptions of the Neo-Babylonian Empire 1) [2020]

(2) Frauke Weiershäuser and Jamie Novotny, The Royal Inscriptions of Nebuchadnezzar II (604-562 BC), King of Babylon, Part 2 (Royal Inscriptions of the Neo-Babylonian Empire 2) [2022]

(3) Frauke Weiershäuser and Jamie Novotny, The Royal Inscriptions of Amēl-Marduk (562-560 BC), Neriglissar (560-556 BC), and Nabonidus (555-539 BC), Kings of Babylon (Royal Inscriptions of the Neo-Babylonian Empire 3) [2019]

RINBE Covers

(4) Royal Inscriptions of Babylonia online, Babylon 7: The Inscriptions of the Neo-Babylonian Dynasty
Diese Website präsentiert derzeit bereits einige der Königsinschriften der Herrscher von Babylon, welche den Südirak in der Zeit von 625 bis 539 v. Chr. regierten, neben einigen weiterführenden Informationen zu den einzelnen Königen und zum historischen Hintergrund dieser Texte.

RINBE Editorial Board

Karen Radner (Ludwig-Maximilians-Universität München; co-director)
• Grant Frame (University of Pennsylvania; co-director)
Jamie Novotny (Ludwig-Maximilians-Universität München; editor-in-chief)
• Rocío Da Riva (Universitat de Barcelona)
• Anmar Abdulillah Fadhil (University of Baghdad)
• Joshua Jeffers (University of Pennsylvania)
• Jon Taylor (British Museum)

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Links: Die Direktoren Karen Radner und Grant Frame bei der Unterzeichnung des Verlagsvertrags mit Eisenbrauns in der MOCCI Arbeitsstätte (Historicum K208 & K209). Rechts: Rocío Da Riva bei der Untersuchung des Felsreliefs von Nabonid im jordanischen Sela.

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Links und Mitte: Karen Radner, Anmar A. Fadhil und Frauke Weiershäuser bei der Arbeit im Iraq-Museum in Bagdad;
Rechts: Anmar A. Fadhil und Frauke Weiershäuser bei der Dokumentation der Nabonid-Stele aus Uruk im Museum von Samawa

RINBE Advisory Board

• Robert K. Englund (University of California Los Angeles)
• Kirk Grayson (formerly University of Toronto; Professor Emeritus)
• Steve Tinney (University of Pennsylvania)

RINBE Team (Autoren und Assistentin)

Giulia Lentini (Ludwig-Maximilians-Universität München; Redaktionsassistentin)
Jamie Novotny (Ludwig-Maximilians-Universität München; Mitautor)
Frauke Weiershäuser (Ludwig-Maximilians-Universität München; Hauptautorin)

RINBEteam

Das RINBE-Team bei der Arbeit an verschiedenen Zylindern im Vorderasiatischen Museum in Berlin und im British Museum in London.

Finanzielle Förderung

Das RINBE-Projekt wird bis Juli 2020 gefördert von
• der Alexander von Humboldt Stiftung (Förderung durch die Einrichtung des Lehrstuhls für die Alte Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens an der LMU München im Jahr 2015),
• der Ludwig-Maximilians-Universität München,
• der Gerda Henkel Stiftung.

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