Alte Geschichte
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Die Munich Open-access Cuneiform Corpus Initiative (MOCCI)

Ein Kernziel des Lehrstuhls für die Alte Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens ist die Förderung der Digitalisierung in den Geisteswissenschaften, vor allem durch die Schaffung leicht zugänglicher und frei verfügbarer Datenbanken von historischen Quellen. Dabei steht besonders wegen der inhaltlichen Ausrichtung des Lehrstuhls die Verbreitung, Erleichterung und Förderung der aktiven Verwendung und des Verständnisses von offiziellen Inschriften und Archivtexten aus dem antiken Nahen und Mittleren Osten im Vordergrund. Zu Anfang liegt das Hauptaugenmerk auf den Texten des antiken Mesopotamien, die in Keilschrift und in akkadischer und sumerischer Sprache verfasst wurden.

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Trotz seines universitären Kontexts richtet sich das Projekt nicht nur an Wissenschaftler und Studierende, sondern auch an eine breitere interessierte Öffentlichkeit. Unter der Leitung von Prof. Dr. Karen Radner und Dr. Jamie Novotny und in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Enrique Jiménez und Prof. Dr. Walther Sallaberger vom Institut für Assyriologie und Hethitologie der LMU will MOCCI innovative Möglichkeiten nutzen, um Anwendern den Zugang zu den vielfältigen und historisch bedeutsamen Inhalten der Keilschriftcorpora zu erleichtern. Dazu werden die Editionen, zunächst primär der Texte aus der ersten Hälfte des ersten Jahrtausend v. Chr., geo-referenziert und linguistisch annotiert. Das Ziel ist es viele der reichhaltigen Primärquellen aus Assyrien, Babylonien und den zeitgenössischen Reichen online und frei zugänglich zu machen, in einem Format, das sich sowohl leicht durchsuchen lässt, als auch umfassend annotiert und linguistisch und lexikalisch aufgearbeitet ist.

Eine Vorstellung des Projekts durch Prof. Dr. Karen Radner und Dr. Frauke Weiershäuser findet sich unter dem Titel "Neue Wege zu antiken Texten" in Akademie Aktuell, Nr. 64 (2018), S. 32-37.

Arbeitsstand

Momentan konzentriert sich unsere Arbeit auf zwei zentrale digitale Textcorpora:

(1) Official Inscriptions of the Middle East in Antiquity (OIMEA); und
(2) Archival Texts of the Middle East in Antiquity (ATMEA).

(1) Das Projekt Official Inscriptions of the Middle East in Antiquity (OIMEA) umfasst mehrere Unterprojekte, die direkt oder indirekt von verschiedenen Mitgliedern unseres Teams verantwortet werden, darunter besonders Alexa Bartelmus und Jamie Novotny. Neben akkadischen und sumerischen Texten wird OIMEA in Zukunft auch Corpora offizieller Inschriften in anderen Sprachen integrieren, darunter auch Texte in Sprachen wie Aramäisch, Luwisch, Phönizisch, Altpersisch und Urartäisch. Die momentan laufenden OIMEA-Unterprojekte sind:

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(a) RIAo wird auf den neusten Stand gebrachte und annotierte Editionen jeder bekannten assyrischen Inschrift vom Ende des dritten Jahrtausends v. Chr. bis zum Ende des Reiches im späten 7. Jahrhundert v. Chr. enthalten. Daneben umfasst es viele detaillierte Informationsseiten, die dazu dienen diese wichtigen antiken Quellen in ihrem historischen und kulturellen Kontext zu präsentieren. Das erste Ziel besteht in der Retrodigitalisierung jener 866 Inschriften, die A. Kirk Grayson in drei Bänden des inzwischen eingestellten Royal Inscriptions of Mesopotamia (RIM) Projekts an der University of Toronto veröffentlicht hat. Zunächst geht es dabei einerseits um die Indizierung aller Eigennamen von Personen, Orten und Göttern des Gesamtcorpus, andererseits um die linguistische und lexikalische Aufbereitung der Inschriften der frühen neuassyrischen Zeit (934-745 v. Chr.), beginnend mit Assurnasirpal II. (883-859 v. Chr.). Das Material aus der Zeit nach 745 v. Chr. wird in Kooperation mit dem Projekt Royal Inscriptions of the Neo-Assyrian Period (RINAP) unter der Leitung von Grant Frame (University of Pennsylvania, Philadelphia) digital aufbereitet. Jamie Novotny bereitet dafür momentan neue Online-Editionen der Königsinschriften von Assurbanipal, dem letzten bedeutendem König des assyrischen Reiches, sowie seiner weniger bekannten Nachfolger vor (668-612 v. Chr.).

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(b) RIBo zielt darauf ab, aktuelle Editionen aller bekannten akkadischen und sumerischen Königsinschriften der Herrscher Babylons zwischen 1157 und 64 v. Chr. vorzulegen, die ebenfalls mit nützlichen und interessanten Informationen und detaillierten Bibliographien ergänzt werden. Einige der etwa 450 Texte, die in diesem langfristig angelegten Projekt aufgearbeitet werden, basieren auf Publikationen von Grant Frame, Rocío Da Riva und Hanspeter Schaudig, während andere der annotierten Editionen von Projektmitarbeitern auf Basis von bislang unveröffentlichtem Material durchgeführt werden, das freundlicherweise von unseren Forschungspartnern Grant Frame (University of Pennsylvania, Philadelphia) und Rocio Da Riva (Universitat de Barcelona) zur Verfügung gestellt wird. In dem RIBo-Teilprojekt „Babylon 7“ bereiten Jamie Novotny und Dr. Frauke Weiershäuser eine vollständige, verbindliche moderne Präsentation des gesamten Corpus der Königsinschriften der sechs Herrscher des Neubabylonischen Reiches vor. Die Druckfassung der Publikation wird in der Serie Royal Inscriptions of the Neo-Babylonian Empire (RINBE) erscheinen, die von Karen Radner und Grant Frame herausgegeben und von der Gerda-Henkel-Stiftung, gefördert wird. Mittelfristig soll RIBo auch die offiziellen Inschriften des dritten und zweiten Jahrtausends v. Chr. umfassen, darunter diejenigen der Könige von Agade, der ersten babylonischen Dynastie und der Kassitenzeit.

(c) Die Seiten des Projekts Inscriptions of Suhu online enthalten lemmatisierte Umschriften und durchsuchbare englische Übersetzungen der bekannten offiziellen Inschriften der Könige, die im ersten Jahrtausend v. Chr. über das kleine, aber wichtige Königreich Suhu am Mittleren Euphrat im heutigen Grenzgebiet zwischen Syrien und Irak herrschten. Darüber hinaus werden Ressourcen und weiterführende Materialien für deren Erforschung bereitgestellt.

(d) Das Electronic Corpus of Urartian Texts (eCUT) Projekt hat zum Ziel, die aus dem Königreich Urartu überlieferten Schriftquellen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auf den Seiten des Portals werden außerdem grundlegende Informationen über die Geschichte und Kultur des Königreichs Urartu bereit gestellt, das im 1. Jahrtausend ein wichtiger Gegenspieler des neuassyrischen Reiches war und sich von seiner ostanatolischen Hauptstadt Ṭušpa (dem heutigen Van) aus über das armenische Hochland erstreckte. Die Editionen basieren auf dem fünfbändigen Corpus dei testi urartei (CTU I-V, 2008-2018) von Mirjo Salvini, der uns freundlicherweise die elektronischen Dateien seiner CTU-Bände zur Verfügung stellte und als Berater des Projekts fungierte. Für eCUT wurden Salvinis Editionen von PD Dr. Birgit Christiansen adaptiert, überarbeitet, annotiert (lemmatisiert) und ins Englische übersetzt.

(e) Achaemenid Royal Inscriptions online (ARIo) wird das vollständige Corpus der Königsinschriften der Achämeniden zugänglich machen. Inhaltlich basiert das Projekt primär auf Rüdiger Schmitts Die altpersischen Inschriften der Achaimeniden und auf digitalen Daten, die freundlicherweise von Dr. Matt Stolper zur Verfügung gestellt worden sind und aus dem aufgegebenen Achaemenid Royal Inscriptions project stammen. ARIo wird von Dr. Henry Heitmann-Gordon betreut.

(2) Das Projekt Archival Texts of the Middle East in Antiquity (ATMEA) stellt zunächst eine ausgebaute und aktualisierte Version des Projekts State Archives of Assyria online (SAAo) dar, das im Jahr 2007 von Karen Radner am University College London initiiert wurde. Zwischen 2016 und August 2019 hat Dr. Mikko Luukko  Briefe (darunter den Briefwechsel zwischen den assyrischen Königen Asarhaddon und Assurbanipal und dem inneren Kreis ihrer Hofgelehrten), Staatsverträge und Treueeide (darunter die berühmte Vereidigung aller Statthalter und Klientenherrscher über Asarhaddons Nachfolge) und astrologische Berichte aus Ninive lemmatisiert. Derzeit wird daran gearbeitet, ATMEA dahingehend zu erweitern, neben dem auf Ninive konzentrierten SAAo-Corpus weitere annotierte Editionen von Archivtexten aufzunehmen, die in den assyrischen Hauptstädten Assur und Kalhu (Nimrud), aber auch in kleineren Provinzorten, wie etwa Burmarina (Tell Shiouq Fawqani), Dur-Katlimmu (Tell Sheikh Hamad), Ma’allanate (Fundort unbekannt), Til-Barsip (Tell Ahmar) und Tušhan (Ziyaret Tepe) gefunden wurden. Diese Arbeiten werden übernommen von Poppy Tushingham, MA unter Mitwirkung von Dr. Nathan Morello.

Karen Radner und Frauke Weiershäuser mit Anmar A. Fadhil beim Besuch in Uruk

Zwischenziele

Wir planen OIMEA und ATMEA zu vereinen, um unseren Nutzern zu erlauben, die annotierte und die georeferenzierte Datenbank gleichzeitig zu durchsuchen. Als ein weiteres Element unserer geplanten, integrierten Benutzeroberfläche Ancient Records of Middle Eastern Polities (ARMEP) haben wir in Zusammenarbeit mit der IT-Gruppe Geisteswissenschaften eine interaktive Karte entwickelt, die nicht nur die Fundorte antiker Texte und die gut lokalisierten Städte und Regionen, die in den Texten erscheinen, anzeigt, sondern es auch erlaubt, die annotierten Textcorpora direkt von der Karte ausgehend zu benutzen. Die ARMEP 2.0 Benutzeroberfläche ist so entworfen, dass sie Benutzern erlaubt, die Texte und/oder die in ihnen erwähnten Orte nach Fundort, Objekttyp, Materialbasis, Sprache/Schrift, Zeitstellung (Jahrhundert, Herrscher, genaues Datum, etc.), antikem Verfasser, dem jeweiligen Oracc Projekt und/oder dem Textgenre zu filtern.

 

Alexander von Humboldt Stiftung

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