Das Imperium in der Einsamkeit. Eine Sozialgeschichte der ägyptischen Östlichen Wüste in der römischen Kaiserzeit (M. Hahn)
Habilitationsprojekt Dr. Michael Hahn
Abstract
Die Habilitationsschrift untersucht die römische Östliche Wüste Ägyptens als sozialen Raum imperialer Präsenz jenseits urbaner Zentren. Auf der Basis archäologischer, epigraphischer und vor allem ostrakologischer Quellen analysiert sie das Alltagsleben von Soldaten, nomadischen Wüstenbewohnern und Händlern/Prostituierten zwischen dem 1. und 3. Jh. n. Chr. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie das Imperium Romanum in einer extremen Peripherie erfahren, praktiziert und begrenzt wurde. Die Studie versteht das Imperium nicht als homogenen Herrschaftsraum, sondern als fragmentierte Erfahrungswelt. Damit leistet sie einen Beitrag zu einer Sozialgeschichte des römischen Reiches aus der Perspektive marginalisierter Akteure.
Projektbeschreibung
Die geplante Habilitationsschrift „Das Imperium in der Einsamkeit“ widmet sich der römischen Präsenz in einer der extremsten und zugleich wirtschaftlich wichtigsten Randregionen des Imperium Romanum: der ägyptischen Östlichen Wüste zwischen Niltal und Rotem Meer. Trotz ihrer lebensfeindlichen Umwelt war diese Region seit dem 1. Jh. n. Chr. intensiv erschlossen – als Transitkorridor des Indienhandels, als Standort kaiserlicher Steinbrüche sowie als militärisch gesicherter Infrastrukturraum von erheblicher fiskalischer und politischer Bedeutung. Über die Rotmeerhäfen Myos Hormos und Berenike verlief der Handel mit dem Indischen Ozean, während in den kaiserlichen Steinbrüchen wertvolle Baumaterialien für imperiale Repräsentationsprojekte gewonnen wurden. Die Sicherung dieser Ressourcen führte zu einer tiefgreifenden militärischen und administrativen Durchdringung eines ansonsten kaum besiedelten Raumes.
Ziel der Habilitationsschrift ist es, diese Region erstmals systematisch als sozialen Erfahrungsraum imperialer Herrschaft zu analysieren. Im Zentrum steht dabei die Frage, wo, wie und für wen das Imperium Romanum im Alltag greifbar war, wenn gewachsene zivile Institutionen wie Städte, lokale Eliten oder Dorfgemeinschaften fehlten. Damit verlagert die Studie den Blick bewusst weg von urbanen Zentren, normativen Herrschaftsdiskursen und Eliten hin zu Akteuren, deren Lebenswelten sich an der äußersten Peripherie des Reiches bewegten.
Untersucht werden drei Gruppen, an denen sich das Spannungsverhältnis zwischen Imperium und Individuum besonders deutlich zeigt: die in kleinen Militärposten stationierten römischen Soldaten, die nomadischen Wüstenbewohner sowie Zivilisten – Händler und Prostituierte –, die in den Militärlagern in der Wüste ihrer Arbeit nachgingen. Anhand dieser Akteure analysiert die Studie Fragen von Zugehörigkeit, Identität, Gewalt, Abhängigkeit und Handlungsspielräumen im Spannungsfeld von imperialer Ordnung und existenzieller Einsamkeit. Dabei wird deutlich, dass das Imperium für viele Beteiligte kein zusammenhängender Herrschaftsraum war, sondern sich räumlich und symbolisch auf die Mauern einzelner Militärlager verdichtete.
Methodisch verbindet die Habilitationsschrift sozial- und kulturgeschichtliche Ansätze mit einer systematischen Auswertung archäologischer, epigraphischer und vor allem ostrakologischer Quellen. Die Tausenden von beschrifteten Tonscherben aus den praesidia der Östlichen Wüste – seit den 1990er Jahren maßgeblich erschlossen durch die Arbeiten von Hélène Cuvigny, Adam Bülow-Jacobsen, Jean-Pierre Brun, Valerie Maxfield und Steven Sidebotham – eröffnen einen einzigartigen Zugang zu Alltagskommunikation, Verwaltungspraktiken, Konflikten und persönlichen Anliegen in einer ansonsten kaum schriftlich dokumentierten Welt. Die Arbeit baut auf dieser Grundlagenforschung auf, geht jedoch über sie hinaus, indem sie die verstreuten Einzelstudien erstmals in eine umfassende althistorische Synthese integriert.
Im Dialog mit aktuellen Forschungsdebatten zu Romanisierung, imperialer Integration und Grenzräumen (u. a. Clifford Ando, David Mattingly, Carlos Noreña) versteht die Habilitationsschrift das römische Reich nicht als monolithischen Block, sondern als fragmentierte Erfahrungswelt. In der Östlichen Wüste war das Imperium für viele Akteure räumlich, sozial und symbolisch auf die Mauern einzelner Militärlager begrenzt; Zugehörigkeit und Loyalität mussten hier immer wieder neu ausgehandelt werden. Die Studie leistet damit einen Beitrag zu einer Sozialgeschichte des römischen Reiches „von unten“ und zeigt, wie imperiale Herrschaft gerade in der Peripherie produziert, begrenzt und transformiert wurde.
Auswahlbibliographie
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