Iniustitia im Wandel: Die Rechtsprechung der römischen Provinzstatthalter von Cicero bis Plinius dem Jüngeren (W. Wang)
Betreuer: Prof. Dr. John Weisweiler
Diese Dissertation untersucht den Wandel der römischen Provinzverwaltung von der späten Republik bis zum frühen Prinzipat unter dem Gesichtspunkt der Zuständigkeiten der Statthalter. Anhand von Ciceros Briefwechsel während seiner Amtszeit als Statthalter in Kilikien (51–50 v. Chr.) und den administrativen Briefen, die Plinius der Jüngere aus Pontus-Bithynien (ca. 110–112 n. Chr.) nach Rom schickte, zeigt die Studie auf, wie die Mechanismen, die zur "iniustitia" (Ungerechtigkeit) in der Provinzverwaltung führten, einen grundlegenden strukturellen Wandel durchliefen.
Die moderne Forschung, allen voran P. A. Brunt, hat die römische Provinzverwaltung vor allem danach beurteilt, ob die kaiserliche Herrschaft die Lebensbedingungen der Provinzuntertanen verbesserte. Diese Studie distanziert sich von solchen quantitativen Bewertungen und behandelt „iniustitia“ als strukturelle Kategorie: als systemische Reibung, die entsteht, wenn der Ermessensspielraum des Statthalters mit lokalen Machtkonstellationen interagiert und kollidiert. Die zentrale These lautet, dass ähnliche Erscheinungsformen von Ungerechtigkeit aus radikal unterschiedlichen juristischen Logiken hervorgehen konnten. In der Republik war die Zuständigkeit der Statthalter in persönlicher Autorität, elitärer amicitia und konkurrierenden aristokratischen Normen verankert; Ungerechtigkeit entstand aus dem Spannungsfeld zwischen persönlichem Ermessensspielraum und kollektiven Erwartungen. Im Prinzipat nahm Ungerechtigkeit dann zunehmend verfahrensrechtliche Formen an und entstand innerhalb von Mechanismen, die eigentlich darauf ausgelegt waren, Gerechtigkeit zu gewährleisten. Bestimmte Formen kaiserlicher iniustitia ergaben sich gerade aus dem erfolgreichen Funktionieren neuer Verwaltungsverfahren, da die Statthalter substanzielle Ermessensentscheidungen zugunsten der Einhaltung institutioneller Vorschriften opferten.
Die Studie operationalisiert dies anhand einer Typologie von personalisierter Ausbeutung im Gegensatz zu verfahrensrechtlicher Ausbeutung. Die republikanische "iniustitia" war räuberisch, sichtbar und einzelnen Personen zuzuschreiben – beispielhaft dafür sind Verres’ Plünderung Siziliens und Brutus’ gewaltsame Eintreibung von Schulden durch Scaptius. Die kaiserliche "iniustitia" dagegen war konservativ, diffus und in systematische Abläufe eingebettet – beispielhaft dafür sind Plinius’ Unterdrückung der Feuerwehr und seine Bestrafung der Christen wegen contumacia statt wegen einer materiellen Straftat.
Methodisch behandelt das Projekt beide Briefkorpora als konstruierte Darstellungen der gubernatorischen Autorität, gestützt auf Hölkeskamps Rahmenkonzept Theater der Macht und die anglophone Forschung zu literarischen Belegen. Der Vergleich konzentriert sich darauf, wie jeder Statthalter die Rechtspraxis in seinen Briefen darstellte, und zeichnet den Wandel von horizontaler aristokratischer Verhandlung hin zu vertikaler bürokratischer Weiterleitung als den bestimmenden Verlauf der römischen Provinzgerichtsbarkeit nach.