Alte Geschichte
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Religiöse Gewalt im spätantiken Ägypten (Theresia Schusser)

Koptische Hagiographie im Fokus literaturwissenschaftlicher, sozialpsychologischer und sozialhistorischer Fragestellungen

Betreuer: Prof. Dr. Jens-Uwe Krause


Bei der Untersuchung christlich-religiöser Gewalt des 4.-7. Jahrhunderts nehmen neuere Studien meist dezidiert Abstand von der früher gültigen und aus der durch christlich geprägte Sozialisation bedingten Grundprämisse, dass ein Kampf der Religionen und damit auch der Kulturen im Zeitraum der Ausbreitung des christlichen Glaubens stattgefunden habe. Längst gehen wir von einem gewissen Grad der Koexistenz unterschiedlicher Glaubensgruppierungen in der Spätantike aus.

Und dennoch begegnen uns in literarischen Quellen immer wieder detaillierte und plastische Beschreibungen von durch Christen ausgeübter religiös motivierter Gewalt, die Anlass zur Auseinandersetzung mit der Historizität von hagiographischem und historiographischem Material geben. Im Hinblick auf diese Debatte sollte keineswegs aus den Augen verloren werden, dass gerade hagiographische Texte keinen Anspruch auf historische Realität erheben - sie sind vielmehr mit modernen Imagefilmen zu vergleichen, die die besten Eigenschaften des Produkts (des Heiligen) dem Kunden (Rezipienten) in möglichst origineller Weise aufzeigen wollen. Ist man sich dieser Tatsache bewusst, eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten an Untersuchungsspektren literaturwissenschaftlicher, sozialpsychologischer und sozialhistorischer Art.

In meinem Projekt beschäftige ich mich schwerpunktmäßig mit koptischen narrativen Überlieferungen zu interreligiöser als auch intrareligiöser Gewalt im spätantiken Ägypten. Dieser komparative Ansatz der Betrachtungsweise - über den Fokus des interreligiösen Konflikts hinaus - ermöglicht dabei einen genaueren Erkenntnisgewinn auch in Bezug auf Fragen nach der Schilderung und literarischen Ausformung christlicher Gewalt.

Ein Teil der Fragestellung konzentriert sich auf die Analyse der Gewaltbeschreibungen nach literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten. So ist etwa nach dem Stellenwert und der Funktion dieser Elemente in der Hagiographie zu fragen, ebenso gilt es, verwendete Topoi zu identifizieren und näher zu untersuchen.

Weiterhin beschäftigt sich die Dissertation mit Überlegungen zu aus den Schilderungen religiöser Gewalt ablesbaren Mechanismen sozialpsychologischer Natur. Hierbei nehme ich unter anderem Bezug auf die von Henri Tajfel begründete Theorie der sozialen Identität, die sich mit Gruppenverhalten und Gruppenkonflikten auseinandersetzt.

Ein weiterer Punkt der Fragestellung fokussiert sozialhistorische Beobachtungen. So ist zu analysieren, wer als gewaltausübend geschildert wird, welche sozialen Gruppen sich in den Konfliktbeschreibungen identifizieren lassen und welche hierbei implizierten Intentionen den oft aus dem Klerikerstand kommenden Autoren religiöser Gewalt zugewiesen werden können.

Das Dissertationsprojekt wird gefördert durch ein Doctoral Fellowship an der Munich Graduate School for Ancient Studies ‚Distant Worlds‘.

 

Kontakt:

Theresia Schusser

Ludwig-Maximilians-Universität München
Graduate School Distant Worlds
Geschwister-Scholl-Platz 1
D-80539 München
Raum: Schellingstr. 3, Vordergebäude, R 433
theresia.schusser@campus.lmu.de